Geschichte

Die Geschichte der Lößnitzer Musikanten ist geprägt von der fortwährenden Suche meiner Eltern, insbesondere meines Vaters Wilfried Walther nach vollkommener Perfektion, sowohl in der Musik als auch im Erscheinungsbild und der Organisation. Ein Ziel, das durchaus erreicht wurde. Die Lößnitzer Musikanten zählten zu den besten Blasmusikensembles der DDR, wenn nicht sogar das Beste.

Schon die Gründung des Ensembles beruhte auf dem Ziel, Vollkommenheit zu erreichen. Als mein Vater 1973 als Trompeter vom Rundfunkblasorchester Leipzig an das Orchester der Landesbühnen Sachsen in Radebeul wechselte, gab es dort bereits das gut eingeführte Blasmusikensemble „Dechovka Musikanten“, in dem auch er Mitglied wurde. Ihn störte jedoch u.a. der Kompromiss, wichtige Instrumente wie die Hörner durch das Akkordeon zu ersetzen. So blieb 1974 letztlich nur die Neugründung eines Ensembles.

So begann er Tag und Nacht hart zu arbeiten, eine solide Basis an einzigartigen Noten zu arrangieren. Vorrangig waren dies zunächst tschechische Titel, die zu dieser Zeit ohnehin bekannt und populär waren. Zu Gute kamen ihm dabei seine Erfahrungen aus dem Rundfunkblasorchester Leipzig insbesondere dessen kleinere Besetzungen Scherbelberger und Pleisentaler Musikanten. Ich habe noch immer den Klang der sich permanent wiederholenden Akkorde auf unserem Bechstein Flügel im Ohr, die sich unruhig abwechselnden mit dem Klacken des Kassettenrecorders, von dem mein Vater die Musik abhörte und in Noten verwandelte. Das Bild, wenn ich die große Schiebetür zum Arbeitszimmer aufschob und das ganze Zimmer in dicken blauen Zigarettendunst gehüllt war, werde ich nie vergessen.

Trotz allem Enthusiasmus war der Anfang nicht leicht. Der Musikmarkt in Dresden war durch die alteingesessenen Blasmusikensembles aufgeteilt und hart verteidigt. Durch persönliche Beziehungen von Ute Mai, die Ehefrau eines Musikerkollegen, gelang es aber bei der Konzert- und Gastspieldirektion Leipzig (KGD Leipzig) einen Fuß in die Tür zu bekommen. So waren die ersten Auftritte der Lößnitzer Musikanten nicht in Dresden, sondern im damaligen Bezirk Leipzig. Das erste Konzert fand auf einer Bühne vor dem Centrum Warenhaus Leipzig statt. Danach folgten die KGDs in Gera, Chemnitz und Cottbus. Durch gute Kontakte des Sprechers Peter Frenkel kam eine Tournee über die KGD Schwerin zustande. Öffentliche Auftritte und Konzerte wurden in der DDR von den staatlichen Konzert- und Gastspieldirektionen organisiert. Jeder Bezirk hatte eine.

Der große Durchbruch kam dann durch einen Auftritt während einer Großveranstaltung in Freiberg zum Kampftag der Arbeiterklasse am 1. Mai 1977, die vom Fernsehen der DDR übertragen wurde. Regie führte Karl-Heinz Boxberger, der auch verantwortlich war für den bekannten Oberhofer Bauernmarkt. Seine Begeisterung für die Lößnitzer Musikanten mündete in einer langjährigen Zusammenarbeit und Freundschaft. Von jährlich acht TV-Produktionen des Oberhofer Bauernmarktes aus Oberhof, Gera oder Chemnitz waren die Lößnitzer bei vieren dabei und auch wenn die beliebte Fernsehproduktion auf Tournee ging. Regelmäßige Auftritte in der anderen großen Volksmusikreihe „Musikanten sind da“ aus den Stadthallen Cottbus und Bad Salzungen folgten.

Eine schöne Idee von Karl-Heinz Boxberger war, die bekannte Amboßpolka zusammen mit einem Ballett und ganz neu mit Text darzubieten. Ich erinnere mich an das kleine Spulentonband von dem mein Vater die Musik abhörte. Den Text schrieb die Frau von Musikredakteur Gerhard Honig Ursula Upmeyer unter dem Pseudonym Ulrich Berger.

Ganz wesentlichen Anteil an der großen Bekanntheit der Lößnitzer Musikanten hatte die volkstümliche Hitparade von Radio DDR am Sonntagmittag, bei der das Ensemble bei der Publikumswertung immer vordere Plätze, oft den ersten Platz erreichte besonders durch die schönen Kompositionen meines Vaters. Gern erinnere ich mich daran, wenn wir bei unseren Sonntagsausflügen im Autoradio mit Spannung die Auswertung verfolgten und aufschrien, wenn es der erste Platz wurde.

Der große Erfolg der Lößnitzer Musikanten hatte viele Gründe. So waren es zum einen die einzigartigen, zum Teil auf den Musiker individuell zugeschnitten Arrangements meines Vaters und seine vielen wunderbaren Kompositionen und Texte. Zum anderen die Leistung und die Begeisterung der Musiker, die diese, auch durch zähe Probearbeit, wunderbar umsetzten. Beispiellos war, dass die Lößnitzer eine Stunde ohne Noten musizieren konnten. Dies war besonders hilfreich bei spontanen Auftritten, Showeinlagen mitten im Publikum und beim sogenannten Kaltprogramm, bei dem die Zuschauer vor jeder Fernsehübertragung zunächst aufgeheizt wurden. Entscheidend aber war das Solistentrio aus den zwei attraktiven Sängerinnen Angelika Bochmann und Isolde Willner, eine blond und eine braunhaarig, und meinem Vater, deren Zusammenklang sowohl stimmlich als auch optisch einmalig war.

Durch die grandiosen TV Auftritte eröffnete sich eines Tages die Möglichkeit beim Sender Dresden Rundfunkaufnahmen einzuspielen, was bisher nur den etablierten Dresdner Kapellen vorbehalten war. Die Leistung der Lößnitzer Musikanten und die Musik von Wilfried Walther überzeugten so sehr, dass sie fortan bevorzugt aufnehmen durften. Über die Jahre wurden so über 60 Titel beim Sender Dresden eingespielt. Die Inspiration zum Komponieren kam übrigens durch den Berliner TV-Musikredakteur Gerhard Honig, der meinen Vater beauftragte eine Schnellpolka ähnlich dem Trompetenecho zu schreiben. So entstand, nach zunächst vielen verzweifelten und zermürbenden Spaziergängen, die erste Komposition „Gruß aus Thüringen“, die dann auch auf einer kleinen Schallplatte des Oberhofer Bauernmarktes gepresst wurde.

Durch die hochwertige Aufnahmeserie beim Sender Dresden ergab sich nunmehr auch die Zusammenarbeit mit der KGD Dresden. Aus den vielen Veranstaltungen sind besonders die Konzertreihe Sonntagsfrühschoppen immer in einer anderen Kreisstadt im Bezirk Dresden mit dem erstklassigen Conferencier Alex Bauer, unzählige Presse- und Weinfeste in Erinnerung geblieben.

Auch der Kontakt zu den Spezialabteilungen der KGD Dresden und Leipzig verantwortlich für sogenannte Protokollveranstaltungen für hochrangige Personen aus Politik und Gesellschaft soll hier nicht unerwähnt bleiben. So waren die Lößnitzer z.B. bei der großen Jubelfeier dabei, als Dynamo Dresden ausnahmsweise mal DDR Fußballmeister wurde. Der Minister für Staatssicherheit Erich Mielke und FDJ Sekretär Egon Krenz waren große Fans der Lößnitzer Musikanten. Das die Musik sogar die Jugend beim großer Treffen der FDJ in Markleeberg begeisterte, überraschte und führte zu einem gemeinsamen Bühnenauftritt mit der bekannten DDR-Rockband Karat und dem Rundfunktanzorchester Leipzig unter Leitung von Walter Eichenberg.

Bei einer Veranstaltung in der Hohwaldbaude im Zittauer Gebirge winkte einmal Armeegeneral Heinz Hoffmann plötzlich meinen Vater zu sich und fragte ihn, was er für ihn tun könne. Vor Verblüffung fiel meinem Vater gar nichts ein. Später bot Hoffmann an, die Lößnitzer Musikanten in die unabhängige Trägerschaft der NVA zu übernehmen, was aber von den Ensemblemitgliedern mehrheitlich abgelehnt wurde. An die letzte Protokollveranstaltung im Oktober 1989 im Blockhaus Dresden am Abend als die Flüchtlingszüge von der Prager Botschaft durch Dresden geleitet wurden, erinnere ich mich selbst noch sehr gut. Ich schaute aus dem Fenster, sah die Demonstranten vorbeiziehen und auch die Uniformierten, die das Blockhaus absicherten.

Trotz der Erfolge bei Liveauftritten, im Radio und Fernsehen, der ganz große Ruhm blieb meinem Vater versagt. Das richtige politische Engagement hätte vielleicht geholfen. Ein besonders schmerzlicher Einschnitt war, dass eine vollkommen fertig produzierte und von Amiga bestätigte Schallplatte drei Tage vor dem Erscheinen plötzlich ohne Angabe von Gründen abgesagt und eingestampft wurde. Ebenso bitter war die Nichtgenehmigung von Auftritten in Westdeutschland, obwohl viele andere Musikensembles aus Dresden regelmäßig dort unterwegs waren. In seiner Stasi-Akte konnte mein Vater leider nichts dazu finden. Sie enthielt nur einige belanglose Berichte von Nachbarn über unsere Familie.

Wie die Organisation und Durchführung von durchschnittlich 70 Veranstaltungen einschließlich Fernsehauftritten und Rundfunkproduktionen neben dem normalen Orchesterdienst in den Landesbühnen Sachsen möglich war, ist mir bis heute ein Rätsel. Zu verdanken war dies insbesondere meiner Mutter Karin Walther, die meist offiziell aber immer im Hintergrund die Fäden zusammenhielt und Verträge, Auszahlungslisten, Programme und die Buchhaltung erledigte.

Unvorstellbar ist auch, dass wir bis kurz vor der Wende kein Telefon und kein eigenes Transportfahrzeug hatten. Um Termine mit Musikern, anderen Beteiligten oder der KGD Dresden abzusprechen, mussten meine Eltern immer mit dem Auto eine große Runde durch die Stadt fahren. Wir waren außerdem Stammkunden bei der Post um Telegramme zu versenden oder Telefonate in der Kabine zu tätigen. Erst der Kontakt zu Hans Modrow, damals Erster Sekretär der Bezirksleitung der SED in Dresden, ermöglichte uns 1987 ein neuartiges stationäres Funktelefon, mit dem die völlig überlasteten Kabelnetze überbrückt wurden.

Ebenso zu verdanken haben wir Hans Modrow einen, vom Sportverein Dynamo Dresden Abteilung Radsport ausrangierten und ziemlich kaputten DDR-Kleinbus Barkas. Der gute Kontakt zur Barkas- Werkstatt in Radebeul half die vielen Rostschäden insbesondere das löchrige Bodenblech auszubessern. Ich selbst habe ihn dann lackiert und mit einer schicken Aufschrift versehen. Trotzdem war jede Fahrt damit ein Abenteuer. Bei einer mitternächtlichen Rückfahrt von einem Auftritt viel auf der Autobahn plötzlich das komplette Licht aus. Nur ein beherzter Griff meines Vaters in den Kabelbaum unter dem Lenkrad konnte zum Glück Schlimmes verhindern. Ebenso werde ich nie vergessen, als bei eisiger Kälte die Zylinderkopfdichtung kaputt ging und ich ahnungslos den Deckel über dem Kühlergrill öffnete und eine Fontäne kochend heißen Kühlwassers knapp neben mir in die Höhe schoss.

Unvergesslich bleibt die Geschichte, als in einer kalten Winternacht bei einer Rückfahrt auf der Autobahn zwischen Chemnitz und Dresden der Keilriemen riss. Ein Fahrzeug der NVA schleppte den voll besetzten und mittlerweile komplett vereisten Barkas bis zur Raststätte Wilsdruff. Von dort schoben die Lößnitzer den Kleinbus über die Autobahn bis zum Dresdner Berg, stiegen wieder ein und rollten bergab über die Autobahnabfahrt in das Stadtgebiet. Dort blieb das Fahrzeug vorerst stehen und alle Insassen mussten mitten in der Nacht zu Fuß nach Hause gehen. Es-Klarinettist Reinhard Müller (genannt Arno) hatte es besonders hart getroffen. Er musste bis nach Pillnitz laufen. Das gesamte Erlebnis war für ihn so einschneidend, dass er daraufhin beschloss, die Lößnitzer Musikanten zu verlassen.

War die Zeit bis zur Wiedervereinigung Deutschlands von einem kontinuierlichen Weg nach oben gezeichnet, so waren die Jahre danach trotz vieler schöner Momente eher vom traurigen Niedergang der Lößnitzer Musikanten geprägt. Wie so viele DDR-Bürger starteten auch meine Eltern mit neuen Ideen, Träumen und Plänen hoffnungsvoll in die neue Zeit. Neue Freunde aus dem Münsterland, die meine Eltern beim Silvesterauftritt im Dresdner Hotel Bellevue kennengelernt hatten, berieten und halfen ihnen mit ähnlicher Naivität. So wurden wunderschöne Unternehmenspläne auf dem Papier erarbeitet und binnen kurzer Zeit die Mangelwirtschaft durch kreditfinanzierte Investitionen abgelöst.

Meine Eltern kauften neue Bühnenkleidung, zwei neue Kleintransporter, eine tolle Mikrofonanlage, moderne Büroausstattung und produzierten die längst ersehnte Schallplatte in einer Auflage von 10.000 Stück. An der Rückzahlung der Kredite haben sie sich lange kräftezehrend abgemüht. Besonders die LP war wieder einmal eine besonders schmerzliche Erfahrung, da sie zwar optisch schön aber durch die mangelnde Blasmusikerfahrung des Toningenieurs musikalisch kein Höhepunkt wurde. Außerdem war zum Produktionszeitpunkt nicht abzusehen, dass schon ein Jahr später kein Mensch mehr Schallplatten wollte, sondern das Zeitalter der CD angebrochen war.

Gut oder vernünftig bezahlte Auftritte zu bekommen, wurde zunehmend schwieriger. Die zentralen KGDs der DDR gab es nicht mehr und die Westagenturen teilten sich den Markt auf. Dort hineinzukommen war aussichtslos. Im Osten saß das Portmonee nicht mehr so locker, jetzt musste sich alles rechnen. Alles was aus dem Westen kam war heilig und erstrebenswert. So wurden die Konzerte kontinuierlich weniger, schlechter bezahlt und insgesamt demotivierender. Eine der letzten größeren Auftrittsserien für den Konsum Dresden führte für meine Eltern fast in das finanzielle Desaster als der Auftraggeber plötzlich zahlungsunfähig wurde. Nur durch Flehen und Bitten haben meine Eltern noch das fest für den Kredit eingeplante Honorar erhalten. Nach dem letzten Auftritt in einem kleinen Biergartenrestaurant an der Elbe in Coswig wurde 1994 dann der endgültige Schlussstrich gezogen. Alles wurde soweit möglich verkauft. Nur die Noten, die wunderbare Musik und die vielen Erinnerungen sind geblieben.

Frank Walther, März 2018

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